SIEGEN, 22. März 2026 – Mit der feierlichen Vorstellung der Graphic-Novel-Anthologie „Bin Mensch, nicht auch ich? Erinnern. Erzählen. Erleben.“ setzt das Aktive Museum Südwestfalen (AMS) neue Maßstäbe in der regionalen Erinnerungskultur. Erstmals seit 2023 veröffentlicht das Museum wieder eine eigene Publikation, die in enger Kooperation mit der Universität Siegen entstanden ist.
Ein innovatives Projekt der transgenerationalen Erinnerung
Die Anthologie ist das Ergebnis einer zweijährigen, interdisziplinären Zusammenarbeit im Rahmen des Projekts „Learning about the Shoah Through Narrative Art and Visual Storytelling“. Initiiert wurde das Vorhaben im Wintersemester 2024/25 von Prof. Dr. Daniel Stein, Dr. Jens Aspelmeier und Dr. Jana Mikota.
Ziel ist es, neue, haptische Zugänge für Schulen und die außerschulische Bildung zu schaffen. „Erinnerung braucht Zukunft“, betonte Museumsleiter Dr. Jens Aspelmeier bei der Eröffnung vor vollem Haus. Das Medium der Graphic Novel biete gerade für jüngere Generationen einen emotionalen und niederschwelligen Zugang zur komplexen Geschichte des Nationalsozialismus.
Fünf Schicksale – Fünf künstlerische Handschriften
Im Zentrum des Werkes stehen fünf regionale Biografien, die von renommierten Illustratorinnen grafisch umgesetzt wurden. Jede Geschichte beleuchtet eine andere Facette der Verfolgung:
- Inge Frank (gezeichnet von Marion Goedelt): Die Geschichte der bekannten Siegener Jugendlichen, deren integriertes Familienleben durch den NS-Terror jäh endete. Goedelt stützte sich auf Gespräche mit der Zeitzeugin Traute Fries.
- Otto Päulgen (gezeichnet von Lisa Rock): Ein Opfer der NS-Euthanasie. Rock nutzt das Motiv des Märchens „Die sieben Raben“ und konnte durch Ottos Krankenakte erstmals seine „eigene Stimme“ in der Erzählung „Glücksritterkind“ hörbar machen.
- Die Siegener Synagoge (gezeichnet von Stephanie Lunkewitz): Lunkewitz verknüpft die Zerstörung des Gotteshauses am 10. November 1938 mit eigenen Verlustfahrungen durch Brände in den USA. Das Element Feuer strukturiert ihre Seiten, endet jedoch mit einer Botschaft der Hoffnung aus dem New Yorker Exil.
- Betty Hochmann (gezeichnet von Inbal Leitner): Die Erzählung über den inneren Konflikt einer jungen Jüdin zwischen der Loyalität zu ihren Eltern und dem Überlebensdrang, nach Palästina auszuwandern.
- „Zina“ (gezeichnet von Bianca Schaalburg): Die Geschichte einer belarussischen Zwangsarbeiterin, die mit nur 12 Jahren in Siegen schwerste Arbeit leisten musste. Schaalburg nutzt Stahlrohre als Panelgrenzen, um die Enge und Härte des Barackenlebens zu visualisieren.
Ein „Artefakt“ für die Zukunft
Auch Siegens Bürgermeister Tristan Vitt würdigte die Arbeit des Museums: Es sei essenziell, die lokale Geschichte immer wieder sichtbar zu machen. Prof. Dr. Daniel Stein ergänzte, dass im digitalen Zeitalter etwas „Haptisches“ – ein echtes Artefakt – für aktive Erinnerungsprozesse von unschätzbarem Wert sei.
Die Anthologie, an deren grafischem Gesamtkonzept auch Andreas Rupprecht maßgeblich beteiligt war, soll künftig intensiv in der schulischen Arbeit eingesetzt werden.
Titel: Bin Mensch, nicht auch ich? Erinnern. Erzählen. Erleben. Herausgeber: Aktives Museum Südwestfalen & Universität Siegen Mitwirkende: B. Schaalburg, I. Leitner, L. Rock, M. Goedelt, S. Lunkewitz
